Die Strudel der Ereignisse des zurückliegenden Jahrhunderts haben auf dem Gebiet der Kunst Werke mit sich hinabgerissen, von denen man wähnte, dass ihnen Dauer und Notwendigkeit zukäme. Eine Menschlichkeit, gegen die Lärm, Hatz und Gestank immer weiter vorrücken, wird von der Begeisterung ihrer Väter und Vorväter kaum noch angeweht. Neben Vielem, das derart ins Ungesonderte zurücksinkt, oder nur durch Beschwörung sich noch halten lässt, geht auch Manches aus den Prüfungen gestärkt hervor. Einige Gemälde Rembrandts gehören dazu. Die folgende Abhandlung möchte auf die Berührung hinweisen, zwischen dem Werk eines Mannes, dessen Name immer noch als Synonym für Malerei gebraucht wird, und einer Lebensform, der die unüberlegte Rede eine Feindschaft gegenüber Bildern nachsagt.
„Ich glaube, der Tag an dem Rembrandt seinen Schülern abriet, Reisen zu unternehmen und vor allem nach Italien, wurde der Tag der Verkündung einer tiefgründigen Kunst.“ Dieser Satz findet sich in den „Selbstgesprächen“ des französischen Malers und Grafikers Odilon Redon. Er bezieht sich darin auf eine Überlieferung, der zufolge Rembrandt behauptete, für eine Italienreise keine Zeit aufbringen zu können. Seine eigene Sammlung ersetze ihm die gepriesene Antike vollauf, samt allen Monumenten Roms. Diese Grobheit gegenüber der Antikenverehrung und der Ästhetik des Humanismus kommt nicht aus der Beschränktheit eines Provinzmalers. Rembrandt hat sich immer als den Autor von Weltkunst empfunden, der er war. Er scheute keine Gegenüberstellung, und das Getriebe der Hafenstadt Amsterdam sorgte dafür, dass es an Begegnungen nicht mangelte. Die Blätter seiner Skizzenbücher bewahren die Figuren orientalischer Kaufleuten und Neger, sowie Naturstudien nach Elefant, Löwe, und Dromedar. Viele Gemälde bekunden die Geläufigkeit im Umgang mit Sage und Mythos. Unter den Skulpturen seiner Sammlung, befand sich jene hellenistische Büste Homers, die heute als die wertvollste antike Darstellung des Dichters gilt. Rembrandt malte Aristoteles mit der Goldkette, wie er in den Anblick dieses Kopfes versunken ist. Die Erziehung Rembrandts folgte dem von Erasmus von Rotterdam empfohlenen Bildungsweg: sieben Jahre Knabenspiele, darauf sieben Jahre Lateinschule, der sich das siebenjährige Universitätsstudium anschließen sollte. Dieses bricht er allerdings bald ab. Eine Bildung ohne Weisheit, die sich selbst zum Zweck setzt, widerspricht seiner Vorstellung von Gelehrsamkeit. Um zu verdeutlichen, auf welcher Grundlage sich das Ereignis Rembrandtscher Malerei vollzieht, darf man den Vergleich mit den Figuren Shakespearscher Dramen wagen. In diesen kommen alle Abgründe und Erhebungen der Menschlichkeit zur Darstellung, so wie Rembrandt jede Gestalt in Farbe verkörpert. Das Fehlen von Idealfiguren ist für die Klassizisten ein Ärgernis. Aber auch die Berauschung der Romantiker, sowohl am Dichter, der das Niederträchtige auf die Bretter bringt, als auch für den Müllersohn, dessen Malerei im Hässlichen schwelgt ist einseitig. Es geht beiden Meistern weder um das Abseitige, noch um Harmonie, sondern darum die Begegnung des Menschen mit seinem Verhängnis sichtbar werden zu lassen. Dazu taugt die Sehnsucht nach der Vergangenheit ebenso wenig, wie die Seichtigkeit der Allegorien. Reines Wasser lässt sich nur aus der Quelle schöpfen. In seiner Verteidigungsschrift der Kunst gegen die Ideologie der Aufklärung teilt Johann Georg Hamann 1759 diese Auffassung: „Gerade als wenn unser Lernen ein bloßes Erinnern wäre, weist man uns immer auf die Denkmale der Alten, den Geist durch das Gedächtnis zu bilden. Warum bleibt man aber bei den durchlöcherten Brunnen der Griechen stehen und verlässt die lebendigsten Quellen des Altertums?“ Die Reformation war die Bewegung, welche im Norden Europas die Ehrfurcht vor den Gestalten der Propheten wiedererweckt hat. Sie erstrebte eine Wiedergeburt, die über den Zustand der Antike noch hinausgeht, und die frühesten Menschen aufsucht, in deren direkten Bezug zum Schöpfer. Im Gegensatz zu Lutheranern und Katholiken waren die Calvinisten in Holland nicht nur Verehrer der Propheten, sondern auch Förderer der Juden ihrer Tage. Diese erhielten Privilegien, welche ihnen sonst in Europa versagt blieben. Schon bald nahmen sie regen Anteil am Warenhandel und der Finanzwirtschaft. Außer der Achtung vor der Religion und dem Interesse am Unternehmungsgeist, hatte der Philosemitismus der Holländer noch die Bedeutung einer Demonstration gegen die Bevormundung durch Spanien. Die Sepharden waren als Flüchtlinge vor dem gleichen Unterdrücker, dem sich die Republik erst vor kurzem unter schweren Opfern entwand, willkommen. Wenig später setzte die Zuwanderung aus dem Osten, vor allem Polen und Litauen ein. Die Zahl der Aschkenasen überstieg schon bald jene der Sepharden. 1639, als Rembrandt ein Haus bezog, welches an der Grenze zum Judenviertel gelegen war, bauten sich die Ostjuden eine eigene Synagoge. Ihren heruntergekommenen und scheuen Gestalten begegnet man auf Zeichnungen und Ölstudien Rembrandts. Seine Darstellung des Tempels, lassen darauf schließen, das er die Zeremonie in der Synagoge aufmerksam verfolgte. Persönlichen Umgang hatte er mit den portugiesischen Rabbinern Ephraim Bonus und Menasse ben Israel. Beide porträtiert er, und des Letzteren kabbalistisches Buch „la piedra gloriosa„ zu deutsch „Der ruhmreiche Stein“ bereichert er mit vier Radierungen.
Um zu erfahren, wie die Schätze beschaffen sind, an denen sich die Darstellungskraft des Malers entzündete, muss man den Blick auf seine Bilder richten. Belsazar, Saul, Simson, Biliam und manche seiner Bildnisfiguren sind gewandet in persische Seiden, kostbare Shawls, juwelenübersäte Kleider, Kaftane und federgeschmückte Turbane. An der Seiter führen sie türkische Säbel. Oder ihnen stecken javanische Messer in der Schärpe. Unter Janitscharenhelmen blitzen herausfordernde Blicken hervor. Die Hand ist um das Heft eines Krummschwertes geschlossen. Das ist weder Historienmalerei noch Naturalismus. Es offenbart sich das Bestreben in einer reduzierten Umwelt ein Reich zu inszenieren, aus dem noch Bilder aufsteigen können. Im Frühwerk Rembrandts wird mit Gesten voller Zorn und Ungestüm der Einspruch gegen die Selbstgerechtigkeit des Bürgertums und die Krämerphilosophie des Merkantilismus vorgetragen. Der Zwanzigjährige malt Christus, wie er die Wechsler aus dem Tempel treibt. Auf einem anderen Bild aus gleicher Zeit sieht man einen Geizhals, der beim Licht einer Kerze seine Geldschätze zählt. Der Betrachter fühlt sich als Zeuge eines abgründigen Verbrechens, welches sich im Halbdunkel ereignet. Durch den Verzicht auf Vanitassymbolik, wird die moralische Erbauung verweigert. Rembrandt führt die Hölle der Habgier in ihrer Trostlosigkeit vor. Zum Hauptthema wird die Lähmung der Lebenskraft durch List und Untreue auf den Gemälden, die von Simson handeln. Auf dem Bild in der Berliner Gemäldegalerie, welches diesen darstellt, wie er seinem Schwiegervater die Faust vor das Gesicht hält, trägt Simson die Züge des Malers. Es stammt aus der Zeit, da Rembrandt Saskia heiratet, die Tochter des Bürgermeisters von Leeuwarden und Nichte des Kunsthändlers und Bilderfabrikanten van Uylenburgh. Rembrandts Urwüchsigkeit fordert seine Umgebung heraus, wie Simson die Philister. Er führt ein Leben in großen Stil vor. Seine Missachtung des kaufmännischen Kalküls wird ihm verübelt. Auf Kunstauktionen bietet er unnötige Summen. Das „Hundertguldenblatt„ hat seinen Namen von der Kaufsumme, die Rembrandt für den Rückkauf dieser eigenen Radierung aufbrachte. Mit solchen Provokationen begegnet er der Monetarisierung künstlerischer Werte und erstrebt gleichzeitig ihre Aufwertung in der Öffentlichkeit, durch Mittel, die er als Autor ablehnt, als Unternehmer aber anwendet. Bereits beim Kauf seines Hauses geht er Verbindlichkeiten ein, die er weder zu lösen noch zu erfüllen vermag. Wenn man vom Hochmut und bisweilen titanischen Trotz Rembrandts redet, sollte man berücksichtigen, dass dieser sich aus eben jener Energie speist, aus der in der zweiten Lebenshälfte die Inbrunst und Bedingungslosigkeit seiner Ergebenheit erwächst, von der die Werke zeugen, die seinen Ruhm begründen.